„Wir fliegen nach Danzig!“ - beschlossen einige Kiebitzpiloten im Frühjahr und legten auch gleich den Termin fest. Ende Mai soll es losgehen und irgendwann nach Christi Himmelfahrt wollen wir wieder zuhause sein – also knapp eine Woche.
Hier der Bericht vom Bürstädter Kiebitzflieger Wilfried Lausecker:
Von der Geographie her – also der Geländestruktur – dürfte ein Flug nach Danzig keine großen Schwierigkeiten bereiten. Der Norden Polens, der an der Ostsee liegt, besteht fast gänzlich aus Flachland, während die Gebirgskette der Sudeten, die sich an das Erzgebirge anschließt, gemeinsam mit den Karpaten (einschließlich der Tatra) die südliche Grenze bildet. Die Geländehöhe wird - wie in der norddeutschen Tiefebene oder bei uns im Oberrheingraben - nicht über 100 m Meereshöhe ansteigen. Die paar Hügel mit ungefähr 300 m Höhe vor Danzig und Gdingen sind von der fliegerischen Seite her nicht der Rede wert.
Als Treffpunkt war am 30. Mai der Flugplatz Kamenz – östlich von Dresden vereinbart. Gegen 13.00 wollte die aus 6 selbstgebauten Kiebitz-Doppeldeckern bestehende Staffel sich dort zusammenfinden.
Das hätte bestimmt auch funktioniert, wenn mir auf der Fahrt zum Bürstädter Sonderlandeplatz nicht zwei schwarze Katzen über den Weg gelaufen wären. Obwohl nicht übermäßig abergläubig wurde der Flieger nochmals besonders sorgfältig durchgesehen, beladen und dann zum nördlichen Ende der Landebahn gerollt - Nach einer 90° Kurve ließ sich der Flieger kaum noch lenken - das Heckspornrad war platt - besser hier in Bürstadt als auf einem fremden Flugplatz.
Verspäteter Start Richtung Osten
Innerhalb einer guten Stunde war die Sache repariert und es ging mit Ostkurs Richtung Bamberg, wo die Fliegerfreunde Oliver und Georg schon auf mich warteten. Kaum gelandet klingelten die Mobiltelefone. Heinz, Michael, Heidi, Christof und Nadine fragten nach, wo wir denn bleiben. Bedingt durch die hohen Temperaturen um die Mittagszeit war es stark turbulent und wir im Raum Bamberg haben ernsthaft überlegt, den Nachmittag im Biergarten zu verbringen und die anderen am nächsten Tag irgendwo in Polen zu treffen. Doch wir hielten uns an die Absprache und flogen entlang des Erzgebirges an Hof, Zwickau, der Bürstädter Partnerstadt Glauchau sowie an Chemnitz vorbei Richtung Dresden. Im Raum Freiberg beginnt die Kontrollzone des Dresdener Verkehrsflugplatzes. Deswegen mit Nordkurs bis zur Autobahn A4, dann Richtung Meissen am Albertinum vorbei zur Elbe. Diese Gegend ist uns in den letzten 20 Jahren durch viele Flüge schon sehr vertraut, und wir denken immer wieder an die Zeiten der deutschen Teilung zurück. Da war ein Flug, wie wir ihn heute machen, unvorstellbar. Über dem Flugplatz Großenhain ging es dann direkt nach Kamenz wo wir gegen 16.30 sicher landeten. Von Bürstadt aus hatte ich jetzt ungefähr 4h und 45 min im Flieger gesessen.
Über Braunkohleabbaugebiete, renaturierte Landschaften - Senftenberger Seenplatte ging es , an „schwarze Pumpe“ und „Weiswasser“ vorbei Richtung Cottbus zur polnischen Grenze. Über Funk wurde vergeblich versucht, mit dem polnischen Flight Information Service Kontakt aufzunehmen. So setzten wir dann Blindmeldungen ab und flogen über das seit 1945 unter polnischer Verwaltung stehende ehemalige deutsche Schlesien. Wir fliegen über das dünn besiedelte Polen (312 000 km² und 38 Mil. Einwohner - Deutschland 356 000 km² und 82 Mil. Einwohner) zur 600.000 Einwohner zählenden Großstadt Posen. Über den Fluss Bober, die Oder, an großen Wald- und Seengebieten vorbei nähern wir uns dem Funkfeuer Koscian südlich unseres Zieles Die Sicht reicht von „Pol zu Pol“- die Abendsonne lässt die Schatten unten länger werden - wir fliegen wirklich über „sonnigen Weiten“ bei ruhiger Luft mit Rückenwind und wie immer
bei solchen Verbandsflügen wird wenig gesprochen. Jeder hängt seinen Gedanken, Stimmungen und Gefühlen nach, achtet darauf, nicht den Anschluß an die Kameraden zu verlieren. Die Motoren singen ihr beruhigend eintöniges Lied - Wassertemperatur, Öldruck und Ladestrom sind in Ordnung.
Nadine ruft den Militärplatz Posen und wir erhalten die Genehmigung zum Einflug über „Mike“. Mit einem 45° Kurs schneiden wir die nach Posen führende Eisenbahnlinie und
drehen auf Nordwestkurs bis wir unseren Zielflugplatz Biernath in Sicht haben. Wir melden
uns beim Militärplatz ab und landen auf dem ersten polnischen Flugplatz dieser Reise.
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Wie die Polen nach dem 15. Mai 2011 mit der Kernkraft umgehen:
Direkt am Oststeestrand liegt das Pumpspeicherkraftwerk Zarnowiec.
Die Geschichte dieses Bauwerkes ist sehr aufschlussreich:
Hier in Zarnowiec sollte das erste Kernkraftwerk in Polen entstehen. Es sollten vier Reaktoren vom Typ WWER-440/213 gebaut werden.
Aufgrund von Protesten wurde das Projekt in den 1990er-Jahren jedoch aufgegeben. Nach der Katastrophe von Tschernobyl wuchs der Widerstand gegen das Projekt. Durch die veränderte wirtschaftliche Situation in Polen nach der politischen Wende 1989 wurde massiv gegen das Kraftwerk protestiert und auf Sicherheitsmängel hingewiesen. Die Regierung stoppte das Projekt im Jahre 1989 und unterzog es einer Überprüfung.
Neuere Forschungsergebnisse zeigten, dass die Abwärme aus dem Kraftwerk dazu geführt hätte, dass sich das Wasser im See um über 10 °C erwärmt hätte und dadurch ökologische Schäden hätte hervorrufen können. Im Jahre 1990 wurde das Projekt aufgegeben, da der Minister für Wirtschaft der Meinung war, das Kraftwerk sei überflüssig, es seien genug Kapazitäten innerhalb Polens vorhanden. Ein wesentlicher Faktor war ein Referendum in der Woiwodschaft Danzig am 27. Mai 1990.
Das Ergebnis fiel wie folgt aus:
44,3 % der Bürger nahmen teil
13,9 % der Abstimmenden waren für die Fertigstellung
86,1 % der Abstimmenden waren gegen einen Weiterbau
Die Wahlbeteiligung für ein rechtskräftiges Referendum war zu niedrig. Trotzdem entschied sich die Regierung gegen eine Fertigstellung. Darauf wurde auch das Projekt für das zweiten polnischen Kernkraftwerk in Warta aufgegeben, das sich in Planung befand.
Doch temporis mutant - auf deutsch: Die Zeiten ändern sich: Mit wachsender Nachfrage nach Elektrizität und der Stilllegung des Kernkraftwerks Ignalina am 31. Dezember 2009 wuchs die Umweltverschmutzung durch fossile Kraftwerke (in Polen vor allem Kohlekraftwerke); außerdem emittieren sie viel CO2.
2004 verabschiedete die Regierung langfristige Pläne für den Bau eines Kernkraftwerkes im Jahre 2020.
Nachdem Donald Tusk im November 2007 Premierminister wurde, beschloss seine Regierung, bis 2025 zwei neue Kernkraftwerke fertigzustellen. Dies ist Teil eines Energie- Aktionsplans, der anstrebt, Polens Abhängigkeit von Kohle zu vermindern.
Im Januar 2010 gab Tusk bekannt, man stehe mit Frankreich und Südkorea in Verhandlungen über die Lieferung moderner Reaktortechnologie. Deutschland muss man nicht mehr fragen wir dürfen das ja nicht mehr!
Im Sommer 2010 gab die Regierung bekannt, das erste Atomkraftwerk solle 2022 in Betrieb gehen, das zweite 2023.
Die polnische Regierung hat im März 2010 eine Rangliste von 27 potentiellen Standorten für Atomkraftwerke erstellt. Als bester Standort wurde weiterhin Sarnowiec angesehen. Am 16. Mai 2011 wurde der Neubau mit 404 Stimmen und nur zwei Gegenstimmen sowie einer Enthaltung im polnischen Parlament beschlossen.
Wir kommen zur Ostseeküste und fliegen jetzt ostwärts der Küste entlang. Breiter, einsamer Sandstrand soweit man sehen kann. Dahinter Felder und Wäder- eine richtige Idylle. Vor uns erstreckt sich die Halbinsel Hela - ein touristische Hochburg im Norden. Wie groß ist doch der Unterschied zu den Sandstränden an der französischen Mittelmeerküste mit den dahinter aufragenden Betonklötzen.
Hela ist eine 40 km lange Halbinsel zwischen 0,5-2 km breit. In der Mitte ein langer Kieferwald mit kaum auffallender Eisenbahnlinie- dazwischen Ortschaften mit großzügigen Grundstücken und natürlich auf beiden Seiten der Insel Sandstrand.Wir nähern uns in der Abendsonne unserem Ziel Jastarnia. Pünktlich um 20.00 setzen wir zur Landung an. Andrzej erwartet uns schon.
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Der Platz gehört der Gemeinde- kein Flugleiter zur Stelle. Dafür 300 m weiter eine Tankstelle, an der wir uns vor dem Abflug mit normalem Superbenzin versorgen können. Wir beziehen die von Andrzej bestellte Unterkunft, machen uns frisch und lassen den Abend mit frischen Fischgerichten und einheimischem Bier ausklingen.
Christi Himmelfahrt 2011 in Danzig
Am nächsten Morgen muss ich - damit mein Ruf nicht gefährdet wird - um 6.00 in der Ostsee schwimmengehen. Den großen Fußzeh ins Wasser, das geht schon! Zwei Einheimische stehen am Ufer - dick angezogen und schauen mir zu. Klamotten aus und rein ins Wasser. Nach 150 m geht mir das Wasser knapp übers Knie und es ist wirklich saukalt. Zum Weiterlaufen habe ich keine Lust - also tauche ich kurz unter und laufe wieder an Land. Nach dem Abtrocknen und Anziehen applaudieren mir die am Ufer stehenden Kaschuben. Bei 14° Wassertemperatur sei ich dieses Jahr als erster im Wasser gewesen.
Nach dem Frühstück wollen wir nach Danzig. In der Hauptsaison fährt eine Fähre vom Hafen Jastarnia direkt nach Danzig. Es ist Nebensaison - also mit Taxis nach Hel am östlichen Inselende - Bus und Züge fahren nicht so oft wie erhofft.
Für umgerechnet 5 Euro fahren wir dann knapp 2 Stunden mit der Fähre über die Danziger Bucht und legen direkt vor der Eisdiele am Krantor an. Besser kann man es nicht treffen.
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Danziger Impressionen
Wir bummeln durch Danzig, nötigen den Konstrukteur unserer Flugzeuge- Michael Platzer zum Bernsteinkauf, sehen viel Neues und auch Bekanntes und haben unseren Spaß. Mit der letzten Fähre verlassen wir Danzig und verzehren im Garten unseres Wirtes Kohnke das Abendbrot.
Sicherheit der abgestellten Flugzeuge in Jastarnia
Keiner von uns macht sich um die ohne Bewachung abgestellten Flugzeuge sorgen. Schulklassen kommen mit Ihren Lehrern vorbei und fotografieren sich besonders gern vor der „schwarzen Sau“ - so nennen wir den schwarz lackierten Doppeldecker von Schorschi dessen Design mit Balkenkreuz und entsprechender Beschriftung einem Jagdflugzeug des 1. Weltkrieges nachempfunden ist. Die Kinder sind wohltuend diszipliniert - vielleicht weil die Lehrer Persönlichkeit ausstrahlen. Auch der Bürgermeister von Jastarnia gibt uns die Ehre und freut sich über die Attraktion.
Am bedrohlichsten war vielleicht die Rotte Wildschweine - eine oder zwei führende Bachen mit an die 12 - 15 Frischlingen - die sich auf dem Flugplatz herumtrieb. Durch Klatschen ließ sie sich überhaupt nicht stören. Wie wir später erfuhren, wird die Rotte von den Einheimischen gefüttert und fordert auch mit Nachdruck ihr Brot ein.
Rückflug am Freitag
Am nächsten Morgen geht es zum Rückflug. Wegen unterschiedlicher Tankvolumina müssen wir nach ca. 300 km einen Tankstopp einlegen. Wir wollen heute an Christi Himmelfahrt ein großes Stück Richtung Heimat schaffen, da Heinz am Samstag Flugleiterdienst hat. Nach dem Start fliegen wir im Verband über Hela zum Lebasee, dem größten Strandsee in Polen.
Zur Ostsee wird der Lebasee durch eine 800m bis 2,5 km breite und 17 km lange Nehrung abgeriegelt. Auf der Nehrung befindet sich eine ca. 1300 Meter lange und 500 Meter breite Wanderdüne, die Lontzkedüne. Diese bildet mit einer Höhe von 42 Metern die höchste Erhebung der Nehrung, sie wandert jährlich mehrere Meter weiter nach Osten und hat bereits dazu geführt, dass einige kleine Ansiedlungen aufgegeben werden mussten. Der Lebasee wird von dem Fluss Leba gespeist und durchflossen; er mündet im Süden in den See und bildet im Nordosten bei der Stadt Leba den Ausfluss des Sees.
Der Lebasee war ab 1776 Gegenstand eines gescheiterten Meliorationsprojekts durch Franz Balthasar von Brenkenhoff. Brenkenhoff wollte den Wasserstand des Lebasees absenken und dadurch die Trockenlegung der umliegenden Sümpfe erleichtern. Zu diesem Zweck ließ er 1776 einen Kanal vom Lebasee zur Ostsee graben, etwa auf der Mitte der Nehrung. Im November 1776 begann die Ablassung des Sees. Der Kanal wurde ferner ab Mai 1777 für die Schiffahrt als Hafen genutzt. Bald zeigte sich jedoch, dass bei Stürmen das Wasser der Ostsee in den Kanal und so in den Lebasee gedrückt wurde, der Wasserspiegel des Lebasees dadurch stieg und Überschwemmungen verursacht wurden. Bei einem Sturm im März 1779 wurde das Kanalbauwerk zerstört und es bestand die Gefahr, dass sich der Durchbruch vergrößern und der Lebasee zu einer Bucht der Ostsee werden könnte. Daher wurde der Kanal 1782/1783 wieder verschlossen und der alte Ausfluss der Leba aus dem Lebasee gereinigt und wiederhergestellt.
Der Lebasee ist heute Bestandteil des Slowinzischen Nationalparks. Deshalb auch hier ein Flugbeschränkungsgebiet und wir nehmen ab Leba Kurs auf Pila!
Freundliche Aufnahme
Pila - das ehemalige Schneidmühle war zwischen 1920 und 1939 Grenzstadt des Deutschen Reiches zu Polen. Über Seen, Wälder, Flüsse geht es Richtung Pila. Dieser Flugplatz ist in der Luftfahrtkarte nicht eingezeichnet und wir wissen nur in etwa die Lage des Platzes. Im Anflug sehen wir einen großen, ehemaligen Militärflugplatz. Pila wird gerufen - es meldet sich niemand - der Platz sieht sehr verlassen aus. Da rechts im Wald eine lange Lichtung, - kurzer gepflegter Rasen - 2 Flugzeuge und ein paar Autos stehen am Boden. Hier landen wir.
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Der Wind bläst in Böen von der Seite über die 30 m hohen Bäume- es ruckelt und schüttelt aber wir landen alle sicher: zwar nicht an unserm gewählten Ziel Pila - sondern auf dem Feuerlöschflugplatz Krepsku der Forstverwaltung.
Da der Wald ein wichtiger Wirtschaftsfaktor Polens ist, müssen auch Waldbrände in dem dünn besiedelten Gebiet schnell und effektiv bekämpft werden. Dafür zuständig ist unter anderem die Mannschaft des Flugplatzes Krebsku, die hier von Anfang April bis Ende Oktober rund um die Uhr Dienst schiebt. Ein Mechaniker, 2-3 Piloten und eine gute Infrastruktur sichern so eine effektive Waldbrandbekämpfung in einem Radius von 100 km. Das Löschflugzeug – ein Dromedar kann 2500 l Wasser in 1,8 sek über einem Brandherd versprühen. Damit ist das Feuer gleich aus - so berichten die Piloten. Wir erfahren, dass auf dem Flugplatz Pila der Strom ausgefallen sei und deshalb kein Funkkontakt zustande kam. Wir laden die Mannschaft des Flugplatzes zum Mittagessen ein und packen die Reste unseres auf Hela gekauften Frühstückes aus.
Wir erfahren, dass wir hier auf einem ehemaligen Einsatzflugplatz der deutschen Luftwaffeähnlich dem in Biblis in meiner Heimat im hessischen Ried - gelandet sind. Wir sollen noch bleiben - das Lokalfernsehen ist informiert und sie wollen eine Reportage über uns machen. Und es dauert nicht lange, da kommt Reporter Jacek auf seinem Motorrad an. Er spricht gut deutsch - sie nennen ihn auch Jacek den Deutschen - ein echtes Original. Kurz darauf erscheint Kameramann Marian und die Reportage beginnt.
Anschließend Rundflüge:
Jacek fliegt mit, der Kameramann fliegt mit - ein richtig schöner Nachmittag mit angenehmen Menschen.
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Zufällig haben wir noch einen Kalender mit Luftaufnahmen unserer Heimat dabei. Er hängt jetzt in der Unterkunft der Feuerlöschstation.
Wir beschließen, wenn wir denn dürfen, heute hier zu übernachten. Ein Anruf bei der Forstverwaltung ergibt, dass man keine Probleme damit hat. Also bauen wir unsere Zelte auf.